Urlaubsfahrt mit dem Elektroauto VW ID4 – Horrortrip, fehlende Reichweite, kaum Ladeinfrastruktur oder doch alles gar kein Problem?

Mit Schlagzeilen wie “Spontan im Elektroauto auf große Fahrt gehen? Das ist gar nicht so einfach“ oder auch “Kaputte Ladesäulen, fehlende Reichweite: Urlaubsfahrt im ID.3 von VW wird für Rentner-Paar zum Horror-Trip„ titeln aktuell viele Gazetten über Urlaubsfahrten mit dem Elektroauto. Das macht wenig Mut und Lust den Umstieg vom Verbrenner auf Elektro anzugehen.

Selbst im Bekannten- und Freundeskreis wurde uns viel Glück bei dem Wagnis gewünscht mit dem Elektroauto in den Urlaub fahren zu wollen. Das ganze verbunden mit den obligaten Fragen, was wir denn tun wollen, wenn wir keine Ladesäule finden würden, und ob wir genügend Karten für die unterschiedlichen Ladesäulenanbieter parat hätten. Als Pfadfinder haben mich solche Befürchtungen noch nie abgeschreckt … also los!

 

Ein VW ID4 Vollstromer sollte es werden

Aber der Reihe nach: Seit gut drei Monaten fahren wir vollelektrisch mit einem VW ID4. Wir haben uns dabei bewußt für einen Vollstromer entschieden, da uns die Plugin-hybriden Autos mit nur 30-50 km elektrischer Reichweite zu wenig geboten haben und die Energieeffizienz durch zwei Antriebsarten aus unserer Sicht nicht optimal sind. Das liegt im Wesentlichen daran, dass der Spritverbrauch bei Plugin-hybriden durch das zusätzliche Gewicht des Akkus sogar deutlich über denen von reinen Verbrennern liegt, wenn sie nicht regelmäßig aufgeladen werden. In Verbindung mit unserer geplanten Photovoltaikanlage sind wir mit einem Vollstromer außerdem unserer Überlegung einer “nahezu“ emissionsfreien PKW Nutzung einen deutlichen Schritt näher gekommen.

Schlussendlich hat die aktuelle Studie der Nichtregierungsorganisation ICCT bestätigt, dass ein Elektroauto der Kompaktklasse in Europa ca. 66- 69% weniger Treibhausgase freisetzt als ein Verbrennerfahrzeug!

Die Studie hat dabei den gesamten Lebenszyklus eines Elektroautos mit dem eines Verbrenners verglichen, d.h. von der Produktion über die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Beim Stromverbrauch des Elektroautos hat die Studie den zu erwartenden Strommix für die Jahre 2021 bis 2038 herangezogen. Wenn der für den Betrieb des Autos notwendige Strom überwiegend „grün“ also z.B. über die eigene Photovoltaikanlage erzeugt wird, verbessert sich die Energiebilanz sogar von 69 auf nahezu 80! Also – ein Vollstromer sollte es werden!

 

450 km elektrisch bis nach Hamburg

Los geht’s mit unserer Urlaubsfahrt von Köln zum ersten Zwischenstopp nach Hamburg. Distanz rd. 450 km, was mit vollem Akku (77 kWh) nach einer 100% Ladung theoretisch knapp möglich sein sollte. Bei meinem bisherigen Durchschnittsverbrauch in der Stadt von 18 kWh/100 km könnte das auch klappen. Fahrten auf der Autobahn mit wenig Rekuperation, 5 Personen incl. Gepäck und einer anfänglichen Geschwindigkeit von 130 km/h lassen die Reichweite aber bereits nach 100 km ordentlich purzeln.

Erster Schnelladestopp vor Bremen

Der ID4 meldet sich dann brav von alleine und kündigt einen notwendigen Zwischenladestopp auf dem Weg nach Hamburg an. Kurz vor Bremen legen wir dann unseren ersten Ladestopp ein. Vier freie Ladesäulen mit 2 Schnellladern (150 kWh) stehen ohne weitere Kundschaft sofort zur Verfügung. Unser ID4 kann zwar 125 kWh ziehen, kommt aber über 75 kWh nicht hinaus. Dennoch haben wir die 80% Akkukapazität nach 25 Minuten und einem Espresso wieder an board. Die Zahlung über das VW eigene We Charge Netz mit der Elli App klappt problemlos, hätte aber auch via PayPal an der Säule ohne Karte funktioniert.

 

Drei Ladekarten reichen völlig aus – damit stehen 200.000 Ladesäulen in Europa zur Verfügung

Insgesamt habe ich mir nur drei Ladekarten – anstatt der empfohlenen zwanzig – zugelegt. Zum einen den VW eigenen Dienst (We Charge), die ADAC eCharge Karte (in Verbindung mit EnBW) und die DKV +charge Karte. Alle 3 Ladeangebote habe ich ohne Vertrag bestellt, d.h. es fallen nur die jeweils genutzten Stromrechnungen an.

Kostenloser Ladeservice im Hamburger JUFA Hotel

Da ich in der Firma über eine eigene Wallbox tanke und selten auf der Autobahn Stromtanken muss, kann man den etwas höheren Grundladepreis pro kWh locker in Kauf nehmen.

Erstaunt über die völlig unproblematische Handhabung unserer ersten Autobahn-Aufladung geht´s weiter nach Hamburg. Und hier gleich die nächste positive Überraschung: unser Hotel (JUFA Hotel in der neuen Hafencity) bietet 10 hauseigene 22 kWh Ladestellen in der Tiefgarage an, die kostenfrei genutzt werden können. Klasse Service!!!

Also nix wie ran und über Nacht auf 100% aufladen. Im ganzen Hotel waren wir die einzigen e-Ladekunden, bis sich zu später Stunde noch ein weiterer ID4 zu uns gesellt hat. Die Dominanz von Tesla scheint gebrochen zu sein 😉

Ziel Ostsee ohne Probleme vollelektrisch erreicht

Ladestation mit 11 kWh am Ferienhaus Geltinger Birk

Am nächsten Tag ging es dann extrem bequem die nächsten 180 km bis zu unserem Urlaubsort, dem Geltinger Birk. Und auch hier haben wir in unserem Feriendomizil 4 e-Ladestationen vorgefunden. Zwar allesamt nur 11 kWh Ladestationen, aber wir sind ja im Urlaub und nicht auf der Hetzjagd zum nächsten Termin. Gezahlt wird auch hier wieder ohne Probleme mit der VW eignen Karte.

Nachdem die Hinfahrt schon extrem entspannt geklappt hat, konnten wir auch bei den Tagesausflügen überall problemlos nachtanken. In vielen Parkhäusern – wie z.B. Eckernförde – konnten wir sogar kostenfrei Stromtanken. 12 Stationen standen hier zur Hauptferienzeit nur von uns und einem TESLA Model 3 beansprucht zur Verfügung. Das gleiche Bild hat sich an allen weiteren Ausflugszielen ergeben. Ob in Flensburg, Schleswig, Kappeln, Gelting oder auch Maasholm – ein Mangel an Ladeinfrastruktur haben wir wirklich nie vorgefunden. Was uns auch positiv aufgefallen ist: viele städtische Stromanbieter bieten die Ladung an ihren Säulen kostenfrei an! Ein cooler Service, den wir wenn immer er sich geboten hat – auch genutzt haben!

 

Kostenlose Ladestation im Parkhaus in Eckernförde

By the way: ein Tesla muss es wirklich nicht sein!

Lange haben wir mit dem Kauf eines Tesla Model Y geliebäugelt, der in Berlin Grünheide produziert werden soll. Da TESLAs Gigafactory jedoch mit der Fertigstellung noch auf sich warten lässt, ist mein Tipp, dass bis Ende 2021 kein Model Y in Berlin vom Band laufen wird.

Volkswagen ist da diesmal schneller aus dem Ankündigungsmode herausgekommen und war schon zur Jahreswende 2020/2021 online bestellbar mit dem Lieferdatum: Anfang 2021. Auch wenn wir uns wg. des Dieselgate zunächst bewußt gegen Volkswagen ausgesprochen haben, so hat uns das Nachhaltigkeitskonzept der VW ID Reihe deutlich mehr überzeugt.

Volkswagen setzt sich mit dem ID hohe Ziele: sowohl der ID3 wie auch der ID4 sollen bilanziell klimaneutral produziert und auch zu 95% recycelt werden können. Das macht sich schon im Innenraum bemerkbar, der bis auf das Lenkrad komplett auf Leder verzichtet und mit nachhaltigen Bezugsmaterialien auskommt. Auch die Zulieferer werden in die Pflicht genommen und müssen für die Produktion ihre Emissionen in absehbarer Zeit auf Null senken. Außerdem wird der ID4, wie auch der ID3 in Zwickau produziert, das sich mit bis zu 300.000 Elektroautos p.a. zum Mekka der E-Auto-Produktion in Europa entwickeln könnte. Das hat uns überzeugt und wir geben VW eine letzte Chance.

Klappt die Rückfahrt von der Ostsee nach Köln genauso problemlos wie die Hinfahrt?

Wie immer sind 14 Tage Sommerferien zu schnell zu Ende. Der Rückweg führt mit 100% Akkuladung (sollte im Normalbetrieb immer vermieden werden und max. zu 80% aufgeladen werden) von der Ostsee über Hamburg nach Bremen und weiter auf der A1 nach Köln. Unser erster Stopp liegt nach 216 km bei der Raststätte Ostetal Nord hinter Hamburg auf der A1.

Auf den 216 km haben wir 20.1 kWh/100 km benötigt, sind im Durchschnitt 92 km/h schnell gefahren und haben dafür 2 Stunden und 22 Minuten gebraucht. Geladen haben wir an einer IONITY Supercharger Station die 350 kWh bietet, von der wir aber nur mit maximal 86 kWh Strom ziehen konnten.

Bei sommerlichen Außentemperaturen und einem Akkuladestand von rd. 50% hätte ich zwar mit mehr als 86 kWh Ladepower gerechnet, aber dieses Rätsel gilt es noch zu lösen. Die 80% Ladeleistung haben wir nach 29 Minuten und einem Frühstücks-Espresso wieder an board.

 

Und die Kosten? Sind die Kosten für das Stromtanken wirklich günstiger als beim Verbrenner?

Nachgeladen haben wir bei diesem Strom-Tankstop 33,52 kWh zum Preis von 26,48 EUR. Das heißt konkret, dass wir die Kilowattstunde mit 0,78 EUR beglichen haben, was ein wirklich stolzer Preis ist. Bei einem Durchschnittsverbrauch von 20.1 kWh auf 100 Kilometer sind das Kosten von 15,67 EUR pro 100 km. Zum Vergleich dazu hat unser alter Volvo XC70 mit voller Last rd. 8 Liter Diesel auf 100 km benötigt, was bei 1,44 EUR/Liter Diesel exakt 11,52 EUR ausgemacht hat. Das entspricht rd. 36% höheren Kosten die der Stromer aufruft!

Ganz anders sieht das Bild aus, wenn man nicht an den Superchargern auf der Autobahn tankt. Die übrigen Ladesäulen fernab der Autobahn berechnen die kWh im Schnitt zu 0,50 EUR, was die Bilanz wieder zugunsten des Stromers umschlagen lässt. Rechnet man das ganze bezogen auf den selbst produzierten Strom über die eigene Photovoltaikanlage, dann liegen die Gestehungskosten lt. einer Studie des Fraunhofer-Instituts zw. 0,05 und 0,08 EUR pro kWh (gemessen im Süden von Deutschland). Damit würde unser Stromer dann max. 1,60 EUR auf 100 km benötigen.

Ergo: das Tanken an der Autobahn über Supercharger ist ein teuer Spaß, denn man bestmöglich vermeiden sollte. Für die Urlaubsfahrt, oder die schnelle Fahrt zum nächsten Termin lässt es sich jedoch nicht vermeiden, wird aber im Mix zu den Kosten an den übrigen Haltepunkte und kostenlosen Lademöglichkeiten locker wieder wettgemacht. Über die bisher von uns rd. 3.000 km gefahrene Distanz liegt die Ersparnis der Strom- vs. Spritkosten bei rd. 50%!

 

Fazit: Urlaubsfahrt mit dem Elektroauto – kein Problem!

Unser klares Fazit nach den ersten 3.000 km und einer ersten Urlaubsfahrt mit dem ID4: es ist überhaupt kein Problem längere Urlaubsfahrten mit einem Vollstromer Elektroauto zu bewerkstelligen! Ganz im Gegenteil – wir sind selten so entspannt von A nach B gekommen wir mit unserem ID4!

Auch die üblichen Klischees können wir locker ausräumen:

  1. Ladeinfrastruktur: Wir haben zu keiner Zeit ein Problem mit dem Stromtanken erleben müssen. Weder entlang der Autobahnen noch in ländlicheren Regionen an der Ostsee. An vielen Stellen wird das Stromtanken von den regionalen Stromanbietern an öffentlichen Stellen und Parkhäusern kostenfrei angeboten. In der Gesamtkalkulation ein nicht zu unterschätzender Faktor! Für Reisen in Europa gilt die Faustformel, dass die nördlichen Länder in Europa mit einer besseren Ladeinfrastruktur bestückt sind als z.B. Spanien oder Italien. Ein Freund der mit seinem Polestar2 in Italien war, konnte das jedenfalls leidvoll bestätigen.
  2. Die Mär mit den 20 Ladekarten: Auch das ist aus meiner Sicht Unsinn – lasst Euch da nicht irritieren! Ich habe wie gesagt drei Ladekarten von unterschiedlichen Anbietern und die reichen völlig aus. Darüber hinaus bieten die Ladesäulen an den Autobahnen nahezu ausnahmslos die Bezahlung über Kreditkarte oder auch PayPal an.
  3. Apps und das ID4 eigene Navi erleichtern die Suche nach der nächsten freien Ladesäule: Unser ID4 übernimmt die Suche nach passenden Ladesäulen beim Routing oder bei knappem Ladestand automatisch. Aber auch die Apps der Ladeinfrastrukturanbieter leisten sehr gute Dienste. Man kann jederzeit erkennen, ob die Station funktionsfähig ist, wieviel kW Ladeleistung zur Verfügung stehen und natürlich, ob die Station frei oder aktuell belegt ist. Das ist bei den uns bekannten anderen Herstellern wie Tesla oder Polestar auch nicht anders.

Lange Rede kurzer Sinn: die Urlaubsfahrt mit unserem ID4 war die entspannteste die wir seit langer Zeit hatten. Die Umstellung vom Verbrenner zum Vollstromer hat für uns perfekt geklappt. Natürlich wirkt zu Beginn alles etwas wie Jugend forscht, am Ende ist es aber ein deutlich entspannteres, ruhigeres und komfortableres Reisen als mit einem Verbrenner. In Verbindung mit dem nächsten Projekt „Photovoltaikanlage“ der konsequente Schritt zu etwas mehr Nachhaltigkeit! 😉